Forschungs- & Publikationsdatenbank

Von der Instruktion zu einer konstruktiven Didaktik - Entwicklung von Evaluationsinstrumenten von Lernprozessen


Projektdauer:

01.01.05 bis 31.12.05

Kurzinhalt:

Ausbildung in Mannheim...
... so lautet die Überschrift der Informationsblätter des DaimlerChrysler-Werkes Mannheim, die sich an ausbildungsinteressierte Jugendliche wenden. Unter dem Aspekt der richtigen Ansprache der Zielgruppe, nämlich Schülerinnen und Schüler, ist der Begriff "Ausbildung" vollkommen richtig eingesetzt. Sie suchen einen Ausbildungsplatz.
Unter pädagogischen Gesichtspunkten hingegen ist die Begriffswahl zu bescheiden ausgefallen. Die Ausbildungsprofile und -ziele gehen weit über die üblichen Qualitätsmerkmale hinaus und nähern sich einem Status, der eher mit dem Begriff Bildung im Medium des Berufes beschrieben werden sollte. Den Begriffen Ausbildung bzw. Qualifizierung haftet kurzfristiger Mitarbeiterbedarf des Betriebes an, die dem gerade nicht zweckorientiert ausgelegten Bildungsbegriff widersprechen.
Verantwortung, Solidarität und Teamfähigkeit sind die klassischen Bezugsgrößen eines modernen Bildungsbegriffs. Ihre Reichweite und Wirksamkeit beschränken sich nicht auf Werkstore, sie gelten prinzipiell und nur dann sind sie richtig verwendet.
Das Unternehmen DaimlerChrysler in Mannheim hat eine Lehrgangs- und projektorientierte Ausbildung entwickelt und ist bereit, das besondere Selbstverständnis seiner Lernorganisation vor- und das Konzept auf den Prüfstand zu stellen. In Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg wollte das Unternehmen den eigenen innovativen Lernkonzepten auf die Spur kommen und der Frage nachgehen, welche Inhalte sich in den Lernprozessen abbilden. Es ging darum, Bildungsprozesse nachzuzeichnen und darzustellen. Studierende der Pädagogischen Hochschule Heidelberg gingen dieser Frage in einem projektorientierten Seminar nach. Sie entwickelten selbstverantwortlich Evaluationsinstrumente für subjektorientierte Lernumgebungen, führten die Untersuchung durch und präsentierten ihre Ergebnisse im Feld.
Es handelt sich um eine sehr komplexe, anspruchsvolle und ergebnisoffene Problemstellung, die sich als Projektrahmen für die interdisziplinären Studienbereiche ILL/IS hochschuldidaktisch besonders eignet. Dieses ist neben der Mitwirkung an einer pädagogischen Fragestellung ein weiterer Grund, die Aufgabe zu übernehmen. Die projektorientierten interdisziplinären Seminare streben einen authentischen Theorie-Praxis-Verbund an und ermöglichen damit neue Arbeitsformen, die darauf angelegt sind, einer subjektorientierten Hochschuldidaktik gerecht zu werden und auch dort den Wandel von der Instruktion zur Aneignungs- bzw. Konstruktionsdidaktik zu bewerkstelligen.

Ergebnis:

Den Studierenden wurde im Sommersemester 2005 die Aufgabe übertragen, die Ausbildungsgänge der Firma DaimlerChrysler (Omnibusproduktion im Werk Mannheim) zu evaluieren. Der Auftraggeber wünschte eine Antwort auf die Frage: "Warum ist die Ausbildung in Mannheim gut?" In einem ersten Schritt modifizierten die Studierenden die Forschungsfrage wie folgt: "Ist die Ausbildung in Mannheim gut?" Nach einigen Teilnehmenden Beobachtungen im Feld, Theoriearbeit zu didaktischen Modellen, Prinzipien guten Unterrichts und forschungsmethodologischen Instruktionen entwarfen sie anschließend selbstverantwortlich ein methodenpluralistisches Untersuchungsdesign. Dabei gingen sie arbeitsteilig vor.
1. Es bildete sich eine Gruppe "Kontinuität", die herausfinden wollte, ob der Firmenslogan "Ende gut Anfang topp" tatsächlich empirisch zu verifizieren ist. Als durchgängige positive Befunde ermittelten sie das gute Verhältnis zu den Ausbildern, die Freude an der Ausbildung und die Bereitschaft zur Eigeninitiative. Etwas besorgt zeigten sich Ausbildungsleitung und Betriebsrat über Problemlagen in der interkulturellen Zusammenarbeit. Hier könnte, so die Studierenden, mit interkulturellen Trainings Abhilfe geschaffen werden.
2. Eine weitere Gruppe untersuchte die Wirksamkeit kooperativer Lernformen am Beispiel des Werkunterrichts. Das didaktische Konzept sieht einen Rollentausch vor. D. h., zwei Auszubildende übernehmen die Lehrerrolle und führen an seiner Stelle den Unterricht durch. Ziel der Ausbildungsleitung ist die Persönlichkeitsentwicklung der Auszubildenden und die Entfaltung von Schlüsselqualifikationen wie Eigeninitiative, Selbständigkeit, Arbeitsmethodik, Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Problemlösefähigkeit und Verantwortungsfähigkeit. Die Ergebnisse legen in der Zusammenschau nahe, dass durch reinen Rollentausch nicht auch automatisch kooperative Lernformen etabliert werden. Die Studierenden rieten eher zu einem Konzeptwechsel, d.h. weg vom lehrerzentrierten hin zum schülerzentrierten Unterricht.
3. Die dritte Gruppe wählte einen kreativen Zugang bei der Untersuchung des Arbeitsklimas. Sie entwickelten ihre Forschungsfrage durch Modifikation des Firmenslogans in "Anfang gut, Klima topp?" und ließen die Auszubildenden Orte und Situationen fotografieren, an denen sie sich wohl oder unwohl fühlen. Das Material wurde geordnet, ausgewertet und in eine Präsentation eingearbeitet.
Was haben die Studierenden gelernt? Auf der "Produktebene" ist die Antwort eindeutig. Sowohl der Auftraggeber als auch die Seminarleitung beurteilen die Seminarergebnisse übereinstimmend mit ausgezeichneten Noten. Sie haben die Herausforderung in Form von Offenheit und Unterbestimmtheit der Aufgabe, Selbständigkeit und Strukturierungsfähigkeit sowie Teamarbeit angenommen und bewältigt. Lehrreich erschien uns der Perspektivenwechsel (zukünftige Lehrer als Fremdevaluierende) für ihre Haltung zum Thema Evaluation generell. Zum einen waren sie selbst überrascht, was ein unverstrickter außen stehender Beobachter "entdeckt". Zum anderen haben sie ihre unterstützende Wirkung für die Alltagsbewältigung der Akteure verspürt.

Projektbeteiligte:

Icon-UserDr. Strittmatter-Haubold, Veronika (Leitung)Profil
Icon-UserPriv. Doz. Dr. Anneliese Wellensiek

In Zusammenarbeit mit:

Icon-PersonengruppeDaimlerChrysler Mannheim

Verweis auf Webseiten:

Keine

Angehängte Dateien:

keine

Publikationen:

Forschungsprojekt
abgeschlossen
Projekt-ID:29
Fak I • Erziehungswissenschaft - Schulpädagogik
Erfasst von Strittmatter-Haubold, Veronika(Dr.) am 18.10.07
Zuletzt geändert von Dr. Strittmatter-Haubold, Veronika am 30.01.20