Forschungs- & Publikationsdatenbank

Lesekompetenz "Medienerfahrung" literarische Bildung. Erhebungen und Konzeptionen zur Förderung grundlegender Qualifikationen in der Ausbildung von Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern


Projektdauer:

01.04.04 bis 30.09.07

Kurzinhalt:

Die fachdidaktische Forschung zeigt, dass Qualität und Erfolg von Leseförderung und literarischem Lernen in der Schule zu einem großen Teil von den literarischen Kompetenzen und den Lese- und Mediengewohnheiten der unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer abhängig ist, die wenigen Untersuchungen zur literarischen Sozialisation an der Hochschule aber sehr ernüchternde Erfahrungen und Ergebnisse ausweisen (vgl. Eggert u. a. 2000; Garbe; Groß 1993; H?rter 1996; Eicher 1995; Eicher 1999; Schön 1990). Das Forschungsprojekt geht folglich von der Hypothese aus, dass die Einstellung von Studierenden zum Lesen, zu den Normen des Literatursystems und zur Zielvorstellung der "sprachlich-literarischen Bildung" als zentraler Bedingungsfaktor einer verbesserten Ausbildung von Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern anzusehen ist. Gerade von angehenden Lehrkräften, die Schülerinnen und Schüler in eine eigene literarische Praxis einführen sollen, kann eine reflektierte literarische Bildung und Praxis erwartet und eingefordert werden.
Für die Institutionen der Lehrerbildung folgt aus dieser Annahme, dass sie sich einerseits der Ausgangs- bzw. Eingangslage ihrer Lehramtsstudierenden bewusst sein müssen, andererseits die entsprechenden (hochschul-)didaktischen Angebote ausbringen müssen, um ihren Studierenden eine entsprechend gebotene Erweiterung ihrer literarischen Praxis und ihres literarischen Erfahrungshorizonts sowie eine (Weiter)Entwicklung ihrer literarischen Kompetenz mit Blick auf ihre professionelle Vorbildfunktion in der schulischen Praxis zu ermöglichen.
Das Forschungsprojekt verfolgt in seiner Zielsetzung beide Aspekte: Die diagnostische Erhebung der Einstellungen der Studierenden zu ihrer literarischen Praxis und zu sprachlich-literarischer Bildung zu Beginn und im Verlauf des Studiums sowie die Erprobung und Auswertung des literarischen Gesprächs als (hochschul-)didaktisches Angebot zur Entwicklung und Beförderung literarischen Lernens und literarischer Kompetenz. Mit dieser doppelten Zielsetzung nähert sich das Forschungsprojekt empirisch sowohl dem Stellenwert der Zielvorstellung "sprachlich-literarischer Bildung" im Handlungswissen und in den kulturellen Wertungen von Deutsch-Studierenden als auch den hochschuldidaktisch auf diese Zielvorstellung ausgerichteten Lernprozessen im literarischen Gespräch, von denen eine Qualitätssteigerung in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern und in der Folge auch im Lese- und Literaturunterricht unterschiedlicher Schularten und Schulstufen erwartet werden kann.
Diese übergreifende Zielsetzung wird einerseits durch die gemeinsame Arbeit an der Zielvorstellung sprachlich-literarische Bildung, andererseits durch eine Ausdifferenzierung in zwei inhaltlich aufeinander bezogene, methodisch und organisatorisch miteinander eng kooperierende Teilprojekte eingelöst:
Teilprojekt 1: Der Lektürehabitus von Studierenden des Faches Deutsch im Rahmen ihrer Literatur und Medienerfahrungen. Leitung: Prof. Dr. Bernhard Rank. Projektmitarbeiter: Dr. Christoph Bräuer
Teilprojekt 2: Literarisches Lernen und literarische Kultur in der Ausbildung von Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern. Leitung: Prof. Dr. Gerhard Härle. Projektmitarbeiter: Dipl. Päd. Johannes Mayer

Ergebnis:

Das Zusammenspiel von Fragebogenerhebung und Interview zeigt jenseits der individuellen literarischen Kompetenz der Probanden den Stellenwert literarischer Erfahrungen für die eigene literarische Praxis. Damit wird deutlich, dass es zur systematischen Beschreibung dieser literarischen Erfahrungen eines alternativen Rahmens zum gegenwärtig dominierenden Kompetenzkonstrukt bedarf, wie er im Forschungsprojekt über eine neu gedachte Konzeption literarischer Bildung versucht wird. In didaktischer Hinsicht und mit Blick auf eine (literarische) Professionalisierung zukünftiger Lehrkräfte ergibt sich als notwendige Kompetenz, die Bedeutsamkeit von Erfahrungen an und mit Literatur als Grundlage literarischer Bildung "praktisch" und nicht nur "theoretisch" reflektieren zu können.
Darüber hinaus besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen den eigenen literarischen Erfahrungen oder dem erfahrenen Umgang mit Literatur und den eigenen Vorstellungen von (künftigem) Literaturunterricht und von literarischer Bildung. Dies betont die professionelle Notwendigkeit, sich als zukünftige Lehrkraft mit der je eigenen Lesesozialisation auseinanderzusetzen und die eigene literarische Praxis zu reflektieren. Im Rahmen des Studiums wie des zukünftigen Berufs wird für die angehenden Lehrkräfte die Spannung zwischen "verpflichtender" Lektüre für das Studium und der privaten Lektüre jenseits des Studiums produktiv zu gestalten sein. Offen bleibt zunächst, inwieweit individuelle literarische Profile resistent gegenüber literaturwissenschaftlichen und literaturdidaktischen Einflüssen während des Studiums bleiben oder ob sie sich doch in die eine oder andere Richtung entwickeln.
Die Selbsteinschätzung der Probanden im Fragebogen lässt Rückschlüsse zu auf zentrale Erfahrungsmomente in den Bereichen Mediennutzung, literarische Praxis und (Anschluss-)Kommunikation, die zu individuellen literarischen Profilen zusammengefasst werden. Die Rekonstruktion des lesesozialisatorischen Hintergrunds anhand der vertiefend herangezogenen Interviewdaten bestätigt Ergebnisse aus der fachdidaktischen Forschung. Bezüglich der sprachlichen Dokumentation von Verstehensprozessen in der intersubjektiven Verständigung konnten Gesprächspraktiken und -routinen herausgearbeitet werden, die dazu verhelfen, einerseits Beschreibungskriterien zu finden für eine gesprächsförmige Annäherung an literarische Texte, andererseits den Effekt der didaktischen Modellierung des Literarischen Unterrichtsgespr?chs beschreibbar und reflektierbar zu machen. Bei der Einzelfallanalyse von Gespr?chen wurde hierzu eine Kern-Systematik von vorgefundenen Strukturen und Prozeduren entwickelt, die als Kriterienspektrum zur Erfassung und Beschreibung literarischen Lernens im literarischen Gespr?ch dient. Mit der Auswertung entsprechender Hinweiskategorien k?nnen zus?tzliche ?bertragbare Analysegesichtspunkte f?r eine fokussierte Sequenzanalyse einzelner Gespr?chspassagen einbezogen werden. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden auf nationalen und internationalen Konferenzen vorgetragen und diskutiert.

Einen vorl?ufigen Abschluss des Forschungsvorhabens bildete die von den Projektleitern veranstaltete Ringvorlesung "Sprachliche und literaische Bildung" im Wintersemester 2006/07 an der P?dagogischen Hochschule Heidelberg, an der zahlreiche namhafte Vertreterinnen und Vertreter der Deutschdidaktik aus dem gesamten deutschen Raum mitwirkten. Die Ergebnisse wurde 2008 in dem Sammelband "'Sich bilden, ist nichts anders, als frei werden.' Sprachliche und literarische Bildung als Herausforderung f?r den Deutschunterricht" publiziert und in einem ?ffentlichen Expertengespr?ch (Br?uer, Fingerhut, Funke, H?rle, Rosebrock, Spinner) am 20.01.2009 an der PH Heidelberg

Projektbeteiligte:

Icon-UserProf. Dr. phil. Härle, Gerhard (Leitung)Profil
Icon-UserProf. Dr. Rank, Bernhard (Leitung)Profil
Icon-UserDr. Christoph Bräuer (Teiprojekt 1) und Dipl. Päd. Johannes Mayer (Teilprojekt 2)

In Zusammenarbeit mit:

Icon-PersonengruppeForschungsprojekt "Das Literarische Unterrichtsgespräch" (Härle)

Verweis auf Webseiten:

Keine

Angehängte Dateien:

keine

Publikationen:

Forschungsprojekt
abgeschlossen
Projekt-ID:66
Fak. 2 • Deutsch (mit Sprecherziehung)
Erfasst von Härle, Gerhard(Prof. Dr. phil.) am 22.10.07
Zuletzt geändert von Prof. Dr. phil. Härle, Gerhard am 19.03.20